Dauerausstellung in Trattenbach, Niederösterreich
Zwischen 1920 und 1926 war Wittgenstein Volksschullehrer in mehreren kleinen Dörfern in Niederösterreich. Zwischen 1920 und 1922 wohnte er in Trattenbach.
Die neu eingerichtete Wittgenstein-Dokumentation in Trattenbach befindet sich in dem Haus, in dem der Volksschullehrer Wittgenstein zuerst gewohnt hat, dem sogenannten “Schachnerstüberl” (Nr. 82; benannt nach einem der Besitzer). Das “Schachnerstüberl” wurde 1838 erbaut und steht heute unter Denkmalschutz.
Die Dokumentation ist keine Sammlung von Erinnerungsstücken, obwohl das eine oder andere darin enthalten ist, so Wittgensteins Bett aus Cambridge, das er selbst entworfen hat. Solch ein Objekt zeigt uns Wittgensteins Persönlichkeit als ein Perfektionist, ganz ähnlich wie bei dem Wittgenstein-Haus in der Kundmanngasse in Wien.
In einem berühmten Zitat aus den Schriften John Donnes aus dem 17. Jh. heißt es: “Kein Mensch ist eine Insel, die für sich allein bestehen kann.” Betrachten wir das Leben Wittgensteins als Volksschullehrer in Trattenbach und anderswo, dann könnten wir sehr wohl den Eindruck haben, dass er versucht hat, eine solche Insel zu sein. Den Trattenbachern ist er bestimmt als eine Insel vorgekommen: ein Vornehmer unter den Armen, ein Gelehrter unter den Bauern und Arbeitern, einer, der nie Mundart sprach, kaum ins Wirtshaus und in die Kirche ging, sich nicht wie ein Lehrer kleidete, nicht grüßte, kurz, und wahrscheinlich wohlwollend gemeint, einer, der auf die Leute “einen kuriosen Eindruck machte”, wie eine Zeitzeugin berichtet.
Aber wir wissen, dass in Wirklichkeit kein Mensch eine Insel ist. Die Dokumentation zeigt daher Wittgenstein im Kontext der Lokal-Geschichte. Die Betonung liegt nicht auf Wittgenstein IN Trattenbach, sondern auf Wittgenstein UND Trattenbach, denn sein Aufenthalt in Trattenbach ist mit der Geschichte des Dorfes und seiner Zeit eng verknüpft.
Wittgenstein kam nach Trattenbach, weil es ihm, zumindestens anfänglich, der richtige Ort für seine Tätigkeit als Lehrer zu sein schien. Aber die Geschichte dieses Ortes ist nicht nur wegen Wittgenstein interessant: Die Geschichte von Trattenbach gestattet uns einen eindrucksvollen Einblick in das soziokulturelle Gefüge des frühen 20. Jahrhnderts. Die Ausstellung betont daher die historische Entwicklung von Trattenbach vor, während und jenseits von Wittgenstein, denn alle Geschichte muss im Kontext betrachtet werden.
Ganz in der Nähe, in Kirchberg am Wechsel, dem Ort der jährlichen Internationalen Wittgenstein-Symposien, befindet sich eine weitere Wittgenstein-Dokumentation mit dem Titel “Realität und Mythos”. Es wird vorgeschlagen, beide Dauerausstellungen gemeinsam zu sehen, denn dies gibt einen umfassenderen Überblick über den Kontext, in welchem Wittgenstein lebte und arbeitete, aber auch einen Einblick in die faszinierende Lokal-Geschichte des Dorf-Lebens in Österreich.

