{"id":1568,"date":"2018-06-09T11:18:03","date_gmt":"2018-06-09T09:18:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.alws.at\/alws\/?p=1568"},"modified":"2018-06-09T11:18:03","modified_gmt":"2018-06-09T09:18:03","slug":"otterthal-1924-1926","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.alws.at\/de\/otterthal-1924-1926\/","title":{"rendered":"Otterthal 1924-1926"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_1569\" aria-describedby=\"caption-attachment-1569\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1569\" src=\"http:\/\/www.alws.at\/alws\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/otterthal-300x198.jpg\" alt=\"Wittgensteins Schule in Otterthal 1925 mit seinem Autograph &quot;My School&quot; auf der Postkarte\" width=\"300\" height=\"198\" srcset=\"https:\/\/www.alws.at\/alws\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/otterthal-300x198.jpg 300w, https:\/\/www.alws.at\/alws\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/otterthal.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1569\" class=\"wp-caption-text\">Wittgensteins Schule in Otterthal 1925 mit seinem Autograph &#8222;My School&#8220; auf der Postkarte<\/figcaption><\/figure>\n<p>In Otterthal (auch: Ottertal) wurde Wittgenstein f\u00fcr eine kurze Zeit \u201csesshaft\u201d. Er wohnte, wie andere Lehrer auch, in der Schule; sie steht noch heute. Jeder hatte dort ein Zimmer f\u00fcr sich, allerdings gab es keine Kochgelegenheit. Die Lehrer, auch Wittgenstein, a\u00dfen daher in Rottensteiners Gasthof \u201eZur Post\u201c.<\/p>\n<p>Otterthal war von 1924 bis 1926 die letzte Station Wittgensteins als Volksschullehrer. Sein Aufenthalt endete ungl\u00fccklich. Wie aus vielen Berichten hervorgeht, neigte Wittgenstein dazu, die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler \u2013 ganz entgegen der gl\u00f6ckel\u2019schen Schulreform \u2013 k\u00f6rperlich zu bestrafen. In Otterthal f\u00fchrte dies zu einer Katastrophe. Wittgenstein hatte einem Sch\u00fcler ein paar Ohrfeigen gegeben. Der Sch\u00fcler, der, wie sich sp\u00e4ter herausstellte, an Leuk\u00e4mie litt, wurde ohnm\u00e4chtig. Beim Dienstaufsichtsverfahren wurde Wittgenstein zwar von jeder Schuld freigesprochen, aber er schied dennoch auf eigenen Wunsch aus dem Schuldienst aus.<\/p>\n<p>Eine Vorahnung dieser Entwicklung findet sich in einem Brief Wittgensteins vom 18. Oktober 1925 an seinen Freund, den \u00d6konomen John Maynard Keynes (1883-1946): \u201cIch habe beschlossen, Lehrer zu bleiben, so lange bis ich f\u00fchle, dass die Schwierigkeiten, in die ich auf diese Weise gerate, mir gut tun. Wenn man Zahnweh hat, dann tut es gut, wenn man eine W\u00e4rmflasche aufs Gesicht legt. Aber das wirkt nur so lange, als die Hitze der W\u00e4rmflasche einigen Schmerz verursacht. Ich werde die W\u00e4rmflasche wegwerfen, wenn ich herausfinde, dass sie mir nicht mehr diese besondere Art von Schmerz verursacht, die meinem Charakter gut tut. Das hei\u00dft, wenn man mich nicht zuvor hinauswirft.\u201d<\/p>\n<p>So erf\u00fcllte sich letztlich, was er am 12. September 1925 an Eccles geschrieben hatte: \u201eIch versuche mich wieder in meinem alten Beruf, wie Du von dieser Postkarte sehen kannst. Jedoch f\u00fchle ich mich jetzt nicht so elend, weil ich mich entschlossen habe, zu Dir zu kommen, wenn es zum Schlimmsten kommt, was fr\u00fcher oder sp\u00e4ter eintreten wird.\u201c \u00c4hnlich pessimistisch hatte Wittgenstein sich bereits Ende Oktober 1924 gegen\u00fcber H\u00e4nsel ge\u00e4u\u00dfert: Er sei der Arbeit nicht gewachsen, \u201eund ich werde ein kl\u00e4gliches Ende nehmen\u201c.<\/p>\n<p>Aus Otterthal schickte Wittgenstein auch an seinen Freund Koder Briefe und eine Postkarte, auf der er selbst und seine Klasse abgebildet waren. Sein Kommentar dazu: \u201eIch sehe aus wie ein degenerierter Raubvogel.\u201c Dies wird sich wohl auf die bekannte Photographie beziehen, die Wittgenstein und die Sch\u00fcler vor der Otterthaler Schule zeigt.<\/p>\n<p>Trotz aller b\u00f6sen Vorahnungen war auch in Otterthal nicht alles grau und tr\u00fcb. Vergn\u00fcgt schrieb Wittgenstein am 24. April 1925 an Koder: \u201eAuch hier in meinem idyllischen Otterthal wird mein Geburtstag, den ich am liebsten geheim gehalten h\u00e4tte, von der Bev\u00f6lkerung durch eine m\u00e4chtige Demonst[r]ation gefeiert. Aus allen Gauen der Waldmark str\u00f6men Tausende und Abertausende herbei; um ihren geliebten Lehrer an seinem Jubeltag zu begr\u00fc\u00dfen und dem Wunsche Ausdruck zu verleihen, er m\u00f6chte noch viele Jahre zum Wohle der vaterl\u00e4ndischen Jugend wirken und dadurch auch den j\u00fcngeren Kr\u00e4ften \u2013 wie z.B. Dir \u2013 ein Beispiel und Ansporn der Aufopferung und Pflichttreue sein. Ich selbst werde an diesem Tage \u00fcber den Achtstundentag, den V\u00f6lkerfrieden und die Arbeitslosenunterst\u00fctzung reden.\u201c<\/p>\n<p>In Otterthal verfasste Wittgenstein das zweite und letzte Buch, das zu seinen Lebzeiten gedruckt wurde, das \u201eW\u00f6rterbuch f\u00fcr Volksschulen\u201c. Es erschien zuerst 1926 und dann 1977 als Faksimile in Wien, beide Male bei H\u00f6lder-Pichler-Tempsky. Dies war der Ansto\u00df, die \u201eSchriftenreihe der Wittgenstein Gesellschaft\u201c bei demselben Verlag herauszugeben.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1570\" aria-describedby=\"caption-attachment-1570\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1570\" src=\"http:\/\/www.alws.at\/alws\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/otterthal_schule-300x148.jpg\" alt=\"Wittgenstein mit seinen Sch\u00fclern in Otterthal 1925\" width=\"300\" height=\"148\" srcset=\"https:\/\/www.alws.at\/alws\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/otterthal_schule-300x148.jpg 300w, https:\/\/www.alws.at\/alws\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/otterthal_schule.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1570\" class=\"wp-caption-text\">Wittgenstein mit seinen Sch\u00fclern in Otterthal 1925<\/figcaption><\/figure>\n<p>Hier in Otterthal endete die Laufbahn Ludwig Wittgensteins als Volksschullehrer. Sein weiterer Weg wird ihn \u00fcber Wien nach Cambridge f\u00fchren, wo er schlie\u00dflich Professor an der Universit\u00e4t und ber\u00fchmt werden wird. Und er wird als Professor in Cambridge geradeso gl\u00fccklich oder ungl\u00fccklich sein, wie als Schullehrer in Trattenbach, Ha\u00dfbach, Puchberg und Otterthal, denn \u201eDas Leben ist nirgends leicht\u201c, wie er 1923 aus Puchberg an seinen Freund H\u00e4nsel geschrieben hatte.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1571\" aria-describedby=\"caption-attachment-1571\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1571\" src=\"http:\/\/www.alws.at\/alws\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/otterthal_zeugnis-300x290.jpg\" alt=\"Schulzeugnis, das von Wittgenstein unterschrieben wurde\" width=\"300\" height=\"290\" srcset=\"https:\/\/www.alws.at\/alws\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/otterthal_zeugnis-300x290.jpg 300w, https:\/\/www.alws.at\/alws\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/otterthal_zeugnis.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1571\" class=\"wp-caption-text\">Schulzeugnis, das von Wittgenstein unterschrieben wurde<\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Otterthal (auch: Ottertal) wurde Wittgenstein f\u00fcr eine kurze Zeit \u201csesshaft\u201d. 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