{"id":284,"date":"2018-04-15T13:59:23","date_gmt":"2018-04-15T11:59:23","guid":{"rendered":"http:\/\/localhost:8888\/blog\/?p=284"},"modified":"2018-04-15T13:59:23","modified_gmt":"2018-04-15T11:59:23","slug":"puchberg-1922-1924","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.alws.at\/de\/puchberg-1922-1924\/","title":{"rendered":"Puchberg 1922-1924"},"content":{"rendered":"<div><img decoding=\"async\" title=\"Wittgenstein mit seinen Sch\u00fclern in Puchberg 1925\" src=\"http:\/\/alws.at\/images\/alws\/landschaft\/puchberg_schule.jpg\" alt=\"Wittgenstein mit seinen Sch\u00fclern in Puchberg 1925\" \/><br \/>\nWittgenstein mit seinen Sch\u00fclern in Puchberg 1925<\/div>\n<p>Puchberg am Schneeberg ist derjenige Ort, an dem Wittgenstein \u2013 relativ \u2013 zufrieden war. Hier verbrachte er, von 1922 bis 1924, den zweiten Abschnitt seiner Zeit als Volksschullehrer. Bestimmt war diese relative Zufriedenheit auch darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass er dort \u00fcber die Musik einen wahren Freund fand, mit dem er f\u00fcr den Rest seines Lebens in Verbindung blieb, den Lehrer Rudolf Koder (1902-1977). Noch von der Adresse Storey\u2019s Way 76 in Cambridge, dem Haus seines Arztes, wohin er sich kurz vor seinem Tod am 29. April 1951 zur\u00fcckgezogen hatte, schrieb Wittgenstein am 30. M\u00e4rz 1951 einen letzten Brief an Koder, der mit dem Satz \u201eM\u00f6gest Du an mich mit den gleichen Gef\u00fchlen denken, wie ich an Dich\u201c schloss. Jedoch nicht einmal dieser Freund blieb von seiner scharfen Kritik verschont: So schrieb er 1938, dass er mit Koder nicht befriedigend stehe, und dass dessen liebensw\u00fcrdige Art ihn, Wittgenstein, nicht w\u00e4rme.<\/p>\n<p>Wittgenstein hatte Koder \u00fcber die Musik kennen gelernt, und dank der Musik entwickelte sich aus der Bekanntschaft der Lehrerkollegen eine lebenslange Freundschaft. Koder berichtete 1975 dar\u00fcber: Wittgenstein war ein Einzelg\u00e4nger. Aber als er, Koder, in seinem Zimmer in der Schule auf dem Klavier den ersten Satz der \u201eMondscheinsonate\u201c von Beethoven spielte, klopfte es. Wittgenstein trat ein und fragte, ob er zuh\u00f6ren d\u00fcrfe. Dieser Besuch wurde zu einem fast t\u00e4glichen Ereignis, das stets auf die gleiche Weise ablief: Wittgenstein spielte die Themen der Musikst\u00fccke auf seiner Klarinette oder er pfiff sie \u2013 er soll ein au\u00dferordentliches Talent zum Pfeifen gehabt und ganze Musikst\u00fccke auswendig gepfiffen haben. Koder begleitete ihn am Klavier.<\/p>\n<p>Das Wohnen in Puchberg entwickelte sich zur schon von Trattenbach her gewohnten Odyssee. Zuerst hatte ihm die Gemeinde ein Zimmer im \u201eHotel Pfennigbach\u201c zugewiesen, das der Familie Krumb\u00f6ck geh\u00f6rte. Das Zimmer war kalt und unbequem, und Wittgenstein war froh, als er es mit einem Zimmer beim Caf\u00e9tier Zwinz vertauschen konnte. Noch heute steht in der N\u00e4he der Pfennigbachstra\u00dfe ein \u00e4lteres Haus, das \u201eGasthof Krumb\u00f6ckhof\u201c hei\u00dft, und ein \u00e4lteres Caf\u00e9-Restaurant Zwinz gibt es auch noch. Es ist gut m\u00f6glich, dass dies die zwei ersten Stationen der Puchberger Wohn-Odyssee waren. Darauf folgte ein Aufenthalt in einem sch\u00f6nen Zimmer im ersten Stock der Ehrbarvilla. Wittgenstein zog dort wegen eines Streits mit der Hausbesitzerin aus. Schlie\u00dflich landete er im September 1923 in einem typisch wittgenstein\u2019schen Domizil: einer winzigen ausger\u00e4umten Kammer, vom Sohn des Hauses als \u201esogenannte Waschk\u00fcche\u201c und \u201eB\u00fcgelzimmer\u201c beschrieben. Sie war eng, finster und feucht und hatte einen betonierten Boden. Die Waschk\u00fcche und das Haus am Ziehrerweg 7, an das sie angebaut war, geh\u00f6rten der Familie Rendl (auch: Rendel). Dort blieb Wittgenstein h\u00f6chstwahrscheinlich f\u00fcr den Rest seiner Zeit in Puchberg. Frau Rendl betreute Wittgenstein liebevoll, sie bereitete ihm jeden Tag das Fr\u00fchst\u00fcck. Zu Mittag a\u00df er wie die anderen Lehrer im Gasthaus Hietz.<\/p>\n<p>Im J\u00e4nner 1924 liefen Wittgenstein und sein Kollege Rosner einmal auf dem zugefrorenen Puchberger Teich, der heute im Kurpark liegt, Schlittschuh. Trotz der Warnungen Rosners lief Wittgenstein auch \u00fcber die noch wenig zugefrorenen Stellen und brach prompt ein. Rosner wollte helfen \u2013 und plumpste ebenfalls ins Wasser. Koder stand am Ufer und schrie. Schlie\u00dflich gelang es den beiden, aus dem Wasserloch herauszukommen. Sie gingen nach Hause und legten sich ins Bett. Krank wurden sie nicht. Eislaufen war in der ganzen Wittgenstein-Familie ein beliebter Sport. Es gibt Fotos, auf denen man verschiedene Familienmitglieder auf dem Platz des Wiener Eislaufvereins Schlittschuh laufen sieht.<\/p>\n<p>Wittgenstein scheute sich nie, selbst Hand anzulegen. Wie in Trattenbach so pr\u00e4parierte er auch in Puchberg kleinere Tiere f\u00fcr die Lehrmittelsammlung. Aus dieser Sammlung stammt das in Trattenbach ausgestellte Skelett einer von Wittgenstein pr\u00e4parierten Katze. Dar\u00fcber hinaus erprobte er seine gro\u00dfe handwerkliche Geschicklichkeit an der Drehbank der Schlosserei Haberler.<\/p>\n<p>\u00dcber der praktischen Bet\u00e4tigung und dem Unterrichten verlor Wittgenstein jedoch nicht sein Interesse an der Besch\u00e4ftigung mit der Sprache, auch wenn es kein philosophisches Interesse war. \u201eIch glaube wenn ich lang genug lebe werde ich ein kleines W\u00f6rterbuch f\u00fcr Volksschulen herausgeben\u201c, schrieb er an H\u00e4nsel im Oktober 1924.<\/p>\n<p>Im \u201eTractatus\u201c sah Wittgenstein die logische Struktur der idealisierten Sprache als kristallklares Bild der Wirklichkeit. In den \u201ePhilosophischen Untersuchungen\u201c forderte er sp\u00e4ter, dass die Logik unsere allt\u00e4gliche Sprache analysieren solle: \u201eZur\u00fcck auf den rauhen Boden!\u201c Das kleine \u201eW\u00f6rterbuch f\u00fcr Volksschulen\u201c von 1926 schrieb er also ohne jede philosophische Absicht. Aber es bedeutete doch eine Station auf dem Weg zur\u00fcck auf den rauen Boden. Wittgenstein wollte ein W\u00f6rterbuch verfassen, das an die lokalen Bed\u00fcrfnisse seiner Sch\u00fcler angepasst war. Diese Voraussetzung hat in dem B\u00fcchlein Spuren in Form von Austriazismen und Dialektausdr\u00fccken hinterlassen.<\/p>\n<p>In Wittgensteins 1926 nicht ver\u00f6ffentlichtem Geleitwort zum \u201eW\u00f6rterbuch\u201c, das er im April 1925 in Otterthal schrieb, stellte er seine Motive f\u00fcr die Abfassung dar: \u201eDas vorliegende W\u00f6rterbuch soll einem dringenden Bed\u00fcrfnis des gegenw\u00e4rtigen Rechtschreibunterrichtes abhelfen. Es ist aus der Praxis des Verfassers hervorgegangen: Um die Rechtschreibung seiner Klasse zu bessern, schien es dem Verfasser notwendig, seine Sch\u00fcler mit W\u00f6rterb\u00fcchern zu versehen, um sie in den Stand zu setzen, sich jederzeit \u00fcber die Schreibung eines Wortes zu unterrichten; und zwar, erstens, auf m\u00f6glichst rasche Weise, zweitens aber auf eine Weise, die es m\u00f6glich macht sich das gesuchte Wort dauernd einzupr\u00e4gen. Haupts\u00e4chlich beim Schreiben und Verbessern der Aufs\u00e4tze wird die Schreibung der W\u00f6rter dem Sch\u00fcler zur interessanten und dringenden Frage. Das h\u00e4ufige Befragen des Lehrers oder der Mitsch\u00fcler st\u00f6rt die Mitsch\u00fcler bei ihrer Arbeit, leistet auch einer gewissen Denkfaulheit Vorschub und die Information durch den Mitsch\u00fcler ist \u00fcberdies h\u00e4ufig falsch. Au\u00dferdem aber hinterl\u00e4sst die m\u00fcndliche Mitteilung einen viel schw\u00e4cheren Eindruck im Ged\u00e4chtnis als das gesehene Wort. Nur das W\u00f6rterbuch macht es m\u00f6glich, den Sch\u00fcler f\u00fcr die Rechtschreibung seiner Arbeit voll verantwortlich zu machen, denn es gibt ihm ein sicheres Mittel seine Fehler zu finden und zu verbessern, wenn er nur will. Es ist aber unbedingt n\u00f6tig, dass der Sch\u00fcler seinen Aufsatz selbst\u00e4ndig verbessert. Er soll sich als alleiniger Verfasser seiner Arbeit f\u00fchlen und auch allein f\u00fcr sie verantwortlich sein.\u201c<\/p>\n<p>Die Kritik der Schulbeh\u00f6rde an der Druckvorlage zum \u201eW\u00f6rterbuch\u201c fiel nicht gerade enthusiastisch aus. Einiges wurde zu Recht bem\u00e4ngelt, aber schlie\u00dflich stellte man fest, \u201eda\u00df nach Beseitigung der angef\u00fchrten M\u00e4ngel das W\u00f6rterbuch einen immerhin brauchbaren Unterrichtsbehelf f\u00fcr die Oberklassen der Volks- und B\u00fcrgerschulen darstellt.\u201c<\/p>\n<p>Wittgensteins Rechtschreib-Unterricht hatte positive Folgen. In einem r\u00fchrend besorgten Brief an seinen Sch\u00fcler Fuchs (sp\u00e4ter Schuhmachermeister in Trattenbach) vom 10. Februar 1924 hei\u00dft es: \u201cDu schreibst mir, da\u00df meine Sch\u00fcler so gute Rechtschreiber sind; und Du Halunk schreibst ,gr\u00fc\u00dfen\u2018 mit Doppel-s und ,Wahrheit\u2018 ohne h. Wart\u2019!!<\/p>\n<p>Aber la\u00df Dich das ja nicht abhalten, mir oft zu schreiben. Jeder Brief von Dir freut mich herzlich und ein gelegentlicher Patzer macht gar nichts. Aber ich mu\u00df Dich doch auf ihn aufmerksam machen, denn Du sollst Deine gute Rechtschreibung jetzt nicht verlernen.\u201d<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wittgenstein mit seinen Sch\u00fclern in Puchberg 1925 Puchberg am Schneeberg ist derjenige Ort, an dem Wittgenstein \u2013 relativ \u2013 zufrieden war. Hier verbrachte er, von 1922 bis 1924, den zweiten Abschnitt seiner Zeit als Volksschullehrer. Bestimmt war diese relative Zufriedenheit auch darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass er dort \u00fcber die Musik einen wahren Freund fand, mit dem [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[22],"tags":[],"class_list":["post-284","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wittgenstein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.alws.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/284","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.alws.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.alws.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.alws.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.alws.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=284"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.alws.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/284\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":285,"href":"https:\/\/www.alws.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/284\/revisions\/285"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.alws.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=284"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.alws.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=284"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.alws.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=284"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}